Beispiel-Passwortrichtlinie — Update 2026 (NIST SP 800-63B-4)

Diesen Beitrag habe ich 2020 geschrieben und damals versprochen, ihn zu aktualisieren, sobald er veraltet ist. Dieser Moment ist gekommen. 💥 Im August 2025 hat NIST die finale Version seiner Richtlinie SP 800-63B-4 veröffentlicht und den Tisch umgeworfen: keine Pflicht-Sonderzeichen mehr, keine regelmäßigen Passwortwechsel mehr. Unten findest du die aktualisierte Richtlinie — und du erfährst, warum manche der alten „Best Practices“ heute aktiv schädlich sind.

Passwortrichtlinie — Update 2026 nach NIST SP 800-63B-4: min. 15 Zeichen, keine erzwungene Komplexität, keine regelmäßige Rotation
Passwortrichtlinie 2026

Was hat sich seit 2020 geändert?

Gestohlene Passwörter sind nach wie vor Angriffsvektor Nummer eins. Laut dem Bericht Verizon DBIR 2025 waren an ganzen 88 % der Angriffe auf einfache Webanwendungen gestohlene Zugangsdaten beteiligt, und die Zahl der Brute-Force-Angriffe auf Webanwendungen hat sich im Jahresvergleich fast verdreifacht.

Geändert hat sich die Antwort der Verteidiger. NIST — das amerikanische Normungsinstitut, dessen Richtlinien am Ende die ganze Welt kopiert — hat in SP 800-63B-4 Praktiken ausdrücklich verboten, die über Jahre als Standard galten: erzwungene Komplexität und regelmäßige Passwortrotation.

Beispiel-Passwortrichtlinie (aktuelle Version)

Statische Passwörter in IT-Systemen sollten:

  • mindestens 15 Zeichen lang sein (das harte Minimum laut NIST liegt bei 8 Zeichen, aber die Empfehlung — vor allem, wenn das Passwort der einzige Schutz ist — lautet 15);
  • vom System mit einer Länge von bis zu mindestens 64 Zeichen akzeptiert werden, Leerzeichen inklusive — sodass eine ganze Phrase möglich ist, z. B. „ein Pferd fährt auf dem Mars Fahrrad“;
  • KEINER erzwungenen Komplexität unterliegen — kein verpflichtendes „mindestens ein Großbuchstabe, eine Ziffer und ein Sonderzeichen“. NIST verwendet hier ein hartes „SHALL NOT“ — Systeme dürfen das nicht verlangen;
  • NICHT nach Zeitplan ablaufen — ein Passwortwechsel nur bei Verdacht oder Bestätigung eines Sicherheitsvorfalls, nicht „alle 30 Tage, einfach so“;
  • beim Festlegen gegen eine Blockliste geprüft werden — Listen geleakter, wörterbuchbasierter und offensichtlicher Passwörter (und bei einem Treffer abgelehnt werden);
  • weder den Login, den Firmennamen, den Namen der Anwendung, die E-Mail-Adresse noch den Vor- oder Nachnamen des Nutzers enthalten;
  • ausschließlich als Hash gespeichert werden: Argon2id (min. 19 MiB Speicher, 2 Iterationen, Parallelität 1); bcrypt in Altsystemen (Work-Faktor mindestens 10), und wo FIPS-140-Konformität gefordert ist — PBKDF2 mit mindestens 600.000 Iterationen;
  • das Einfügen erlauben aus einem Passwortmanager — „Einfügen“ im Passwortfeld zu blockieren ist Sicherheitssabotage, kein Schutz;
  • einzigartig sein — für jeden Dienst ein anderes Passwort.

Warum schlägt Länge Komplexität?

„P@ssw0rd1!“ erfüllt alle alten Komplexitätsregeln — und fällt in Sekundenbruchteilen, weil Angreifer das Muster in- und auswendig kennen: Großbuchstabe am Anfang, Ausrufezeichen am Ende, „a“ durch „@“ ersetzt. Erzwungene Komplexität produziert vorhersehbare Passwörter und Klebezettel unter der Tastatur. Eine lange Phrase kannst du dir leicht merken — und für eine Maschine ist sie ein Albtraum zu knacken.

Jede Menge nützlicher Informationen zur sicheren Implementierung eines Logins findest du im OWASP — Authentication Cheat Sheet und im OWASP Password Storage Cheat Sheet.

Ein Passwortmanager — immer noch das Fundament

In den meisten Fällen weißt du nicht, wie Online-Dienste deine Passwörter speichern. Vielleicht hat der Administrator gar keine Mechanismen implementiert, die deine Daten schützen. Deshalb musst du dich selbst um ihre Sicherheit kümmern — und bei Dutzenden Konten und 15-Zeichen-Passwörtern kannst du dir unmöglich alle merken. Genau hier kommt ein Passwortmanager ins Spiel: Du merkst dir ein starkes Passwort, und er kümmert sich um den Rest. Einer der als sicher geltenden und empfohlenen Passwortmanager ist KeePass.

Passwortmanager — ein Master-Passwort öffnet einen Tresor voller langer, zufälliger, einzigartiger Passwörter
ein Master-Passwort, der Rest im Tresor

Ein Passwortmanager bietet dir zusätzlich:

  • automatische Generierung langer, zufälliger Passwörter;
  • einen verschlüsselten Tresor und Backups;
  • Synchronisation über mehrere Geräte hinweg;
  • automatisches Ausfüllen von Formularen — was zugleich vor Phishing schützt, denn der Manager fügt dein Passwort auf einer gefälschten Domain nicht ein. 🔓

MFA — ja, aber nicht mehr per SMS

2020 habe ich geschrieben, dass ein SMS-Code die Kontosicherheit deutlich erhöht. Heute muss ich das korrigieren: SMS ist die schwächste Form der Zwei-Faktor-Authentifizierung — anfällig für SIM swapping und Echtzeit-Phishing. Angreifer werden immer besser darin, MFA zu umgehen: Laut den rund um den DBIR 2025 zitierten Zahlen sind die häufigsten Techniken der Diebstahl von Session-Tokens und „prompt bombing“ — das Opfer wird mit Benachrichtigungen bombardiert, bis es auf „Genehmigen“ tippt. ⚠️

Vergleich der MFA-Methoden: SMS (am schwächsten), TOTP-App, passkey/FIDO2 (Phishing-resistent, empfohlen)
nicht jede MFA schützt gleich gut

In der Reihenfolge vom stärksten Schutz:

  1. Ein Hardware-Schlüssel (FIDO2) oder passkey — Phishing-resistent;
  2. Eine App mit TOTP-Codes (z. B. auf deinem Handy);
  3. SMS — immer noch besser als gar keine MFA, aber betrachte sie als letzten Ausweg.

Passkeys — eine Welt ohne Passwörter?

Passkeys, also Zugangsschlüssel auf Basis von FIDO2, werden bereits von Google, Apple und Microsoft unterstützt, und NIST stuft sie als Phishing-resistente Methoden ein. Wo immer ein Dienst sie anbietet — schalte sie ein. Es ist heute der einfachste Weg, dafür zu sorgen, dass das Passwort nicht länger das schwächste Glied ist.

Fazit

Die neue Passwortrichtlinie ist paradoxerweise einfacher als die alte: lange, einzigartige Passwörter, geprüft gegen eine Blockliste, ohne künstliche Komplexität und ohne erzwungene Rotation — dazu ein Passwortmanager und Phishing-resistente MFA. Weniger Regeln, mehr Sicherheit. ✔️

Wenn du prüfen willst, ob die Passwortrichtlinie in deinem Unternehmen (und der Rest deiner Verteidigung) dem Kontakt mit einem echten Angreifer standhält — melde dich: Ich teste sie als ethischer Hacker und liefere dir einen konkreten Bericht. Und wenn dir NIS2 oder DORA im Nacken sitzt, wirf einen Blick auf die Compliance-Seite.

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